Am Dienstag haben sich Bundesfamilienministerin Karin Prien und Hessens Familienministerin Diana Stolz vor Ort über die Arbeit des Childhood-Hauses an der Universitätsmedizin Frankfurt informiert. Bei einem Rundgang und im Austausch mit den Fachkräften machten sich beide ein Bild davon, wie Kinder und Jugendliche nach Gewalterfahrungen hier begleitet werden. „Ich bin einmal mehr beeindruckt von der Arbeit der Expertinnen und Experten, die sich traumasensibel und multidisziplinär um Kinder kümmern, denen Schlimmes widerfahren ist“, erklärte Stolz im Anschluss.
Im Childhood-Haus arbeiten Medizin, Psychologie, Jugendhilfe, Polizei und Justiz unter einem Dach zusammen. So bleiben den betroffenen Kindern belastende Mehrfachbefragungen durch unterschiedliche Ansprechpartner erspart, notwendige Gespräche und Untersuchungen finden koordiniert und am Kindeswohl orientiert statt. „Kinder und Jugendliche tragen Gewalt- und Missbrauchserfahrungen in der Regel ein Leben lang mit sich. Ein kompetenter Raum wie das Childhood-Haus kann dabei helfen, diese Last besser zu verarbeiten“, so die Ministerin.
Interdisziplinäre Schutzstrukturen
Bundesfamilienministerin Karin Prien: „Nur durch interdisziplinäre Zusammenarbeit ist ein wirksamer Kinderschutz möglich. Childhood-Häuser sind ein gutes Beispiel, wie es gelingen kann. Denn es gibt keine Standardlösung für den Umgang mit Fällen von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Die Gegebenheiten vor Ort, die Lebensrealitäten, die Fallkonstellationen und die Unterstützungsbedarfe sind einfach zu unterschiedlich. Daher ist es wichtig, den Fokus auf das Kind zu legen, und genau das ist die Idee der Childhood-Häuser. Die Verantwortung für den Schutz von Kindern kann nur gemeinsam getragen werden. Ermittlungsbehörden, Justiz, Medizin und Kinder- und Jugendhilfe sollten bestenfalls zusammenwirken wie ein Uhrwerk. Dafür braucht es Offenheit und die Bereitschaft, über eigene fachliche Logiken hinauszudenken, die Perspektiven anderer Disziplinen zu verstehen und gemeinsam an einem koordinierten Vorgehen zu arbeiten.“
Stolz hob die Vorreiterrolle Hessens hervor. Das Childhood-Haus Frankfurt ist seit November 2023 in Betrieb und gehört zu den bislang zwölf Childhood-Häusern bundesweit. Als eines der ersten Länder baut Hessen diese interdisziplinären Schutzstrukturen gezielt weiter aus und geht mit einem zweiten Standort in Nordhessen voran. In Kassel entsteht das zweite hessische Childhood-Haus. Anfang Mai 2026 haben das Land Hessen ressortübergreifend, die Stadt Kassel, das Klinikum Kassel und die World Childhood Foundation dafür eine Absichtserklärung unterzeichnet. Das Haus wird in Nordhessen im entstehenden Kleine-Riesen-Haus in der Mönchebergstraße angesiedelt und bindet die bestehende Kinderschutzambulanz des Klinikums Kassel ein. Damit überträgt Hessen den in Frankfurt erfolgreich gelebten Ansatz auf eine zweite Region und setzt zugleich eine zentrale Maßnahme seines Landesaktionsplans zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt um. Die steigenden Fallzahlen unterstreichen den Bedarf und die wachsende Bekanntheit des Angebots. Wurden 2024 im Childhood-Haus Frankfurt und der angeschlossenen Kinderschutzambulanz 841 Kinder und Jugendliche betreut, waren es 2025 bereits 1.166.
Bundesweites Konzept für kindgerechte und interdisziplinäre Einrichtungen
Auch auf Bundesebene hat das Land die Initiative ergriffen. Auf Antrag Hessens haben alle Länder gemeinsam in der Jugend- und Familienministerkonferenz im Mai beschlossen, gemeinsam mit dem Bund ein bundesweites Konzept für kindgerechte und interdisziplinäre Einrichtungen zu entwickeln und dauerhaft zu sichern. Das Konzept soll klare Gelingensmaßstäbe festlegen, konkrete Ziele nach dem tatsächlichen Bedarf definieren.
Prof. Dr. Jürgen Graf, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Frankfurt:
„Das Childhood-Haus Frankfurt steht beispielhaft dafür, was möglich ist, wenn alle Akteure im Kinderschutz – Medizin, Jugendhilfe, Polizei, Justiz und Politik – gemeinsam Verantwortung übernehmen. Unser besonderer Dank gilt dem Land Hessen, der World Childhood Foundation und allen Partnerinnen und Partnern, die dieses wichtige Angebot möglich machen. Als Universitätsmedizin Frankfurt sehen wir es als Teil unseres gesellschaftlichen Auftrags, insbesondere den Schwächsten unserer Gesellschaft bestmögliche Unterstützung zu bieten.“
Prof. Dr. Matthias Kieslich, Leiter des Childhood-Hauses Frankfurt:
„Kinderschutz ist eine gesellschaftspolitische Aufgabe, die nur Disziplinen- und Institutionen-übergreifend gelingen kann. In unserer Einrichtung stehen die betroffenen Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt aller Überlegungen, Analysen, Maßnahmen und Veränderungen. Hier kommen alle Beteiligten zum Kind und am Kind zusammen.“
Die Hessische Landesregierung unterstützt das Childhood-Haus und die medizinische Kinderschutzambulanz in Frankfurt seit dem Aufbau finanziell, sowohl bei den Investitionskosten als auch im laufenden Betrieb seit 2022 mit insgesamt 3.686.453 Euro.
Der Besuch der Bundesfamilienministerin macht das Frankfurter Childhood-Haus als gelungenes Praxisbeispiel für einen wirksamen, interdisziplinären Kinderschutz sichtbar. Hessen bringt seine Erfahrungen gern in die Zusammenarbeit von Bund und Ländern ein. „Ich freue mich sehr, dass sich Bundesfamilienministerin Karin Prien heute vor Ort ein Bild von diesem erfolgreichen Modell macht. Gemeinsam wollen wir den Kinderschutz weiter stärken“, sagte Stolz.